Meine höchsteigene Corona-Chronik – Teil 2

29.3.2020

Es schneit!

Es schneit aus allen Rohren!

Im Winter hätten wir uns sicher darüber gefreut.

Wieder einmal ziemlich schlecht geschlafen.  Das wird allmählich zum Normalfall und ist kein bisschen hilfreich.

Aber für heute hatte ich mir wenigstens nicht sonderlich viel vorgenommen: Teil 1 meiner „Chronik“ einstellen, ein paar Knöpfe annähen, dies und jenes auf Vordermann bringen, Essen kochen, Hund ausführen und was halt noch so kommt. Viel ist nicht daraus geworden. Das Mittagessen war total verspätet, sollte ein neuer Versuch sein. Aber da ich nach ein paar Telefonaten total vertieft darin war, meinen Beitrag zu überarbeiten und zu korrigieren, habe ich vergessen, dass wir Sommerzeit haben seit heute Nacht und dass ich für’s Kochen ein bisschen mehr Zeit brauchen würde, und so ist es dann auch geworden: versalzen!

In ein paar Tagen versuche ich es noch einmal.

Heute Nachmittag bin ich dann auf meine Webseite – am PC, weil ich nicht wusste, wie ich mich auf dem Tablet einloggen soll –, habe den Beitrag nochmals überarbeitet, die Fotos zurechtgeschnitten und alles eingestellt. Erstaunlich, wieviel man in einem Jahr vergessen kann! Aber er steht. Dann habe ich mir die Geschichte als Leser angeschaut und gleich wieder korrigiert. Das lange Rattenschwänzchen an Notizen am Ende des Beitrags störte doch ein wenig.

Und da ich mich gerade sehr stark fühlte, habe ich auch gleich nach meinem Benutzernamen und meinem Passwort geforscht und habe es geschafft, nach zahlreichen Tippfehlern meine eigene Webseite auch auf dem Tablet anzusteuern.

Heureka!

Das Ganze hat mich erfreulicherweise am Nachdenken gehindert. Denn immer, wenn ich derzeit nachdenke, muss ich mich fragen, wie das eigentlich gehen soll.

Wir können nicht ewig Quarantäne halten.

Industrie und Handel können keinen ewigen Dornröschenschlaf halten.

Wir wollen ja nicht nur leben, wir müssen auch VON irgendetwas leben.

Wie soll das ohne Löhne und Gehälter gehen?

In unserer Wirtschaft greifen doch so unendlich viele Räder und Rädchen ineinander – wie kann man sie am Zerbrechen hindern, wenn sie so lange stillstehen?

Da ist ja nicht nur ein bisschen Sand im Getriebe, sondern ein ganzes Gebirge.

Wie lange kann ein Staat – eigentlich momentan viele Staaten – über seine Verhältnisse wirtschaften ohne Inflation. By the way, befindet sich in unserer Regierung eigentlich ein Volkswirtschaftler, ein einziger? Einer mit abgeschlossenem Studium und Berufserfahrung?

Ist unsere Zukunft wirklich gesichert, wenn man eine Menge Milliarden in eine Gießkanne packt und über das wonnig erschauernde Volk kippt?

Und wo sollen Steuereinnahmen herkommen, wenn niemand Geld verdient? Und mit verdient meine ich erarbeitet!

Und werden wir wirklich vor Ansteckung und Tod sicher sein, wenn man uns wieder aufeinander loslässt?

Was geschieht, wenn in den Flüchtlingslagern die Menschen krank werden? Werden sie Disziplin bewahren?

Was geschieht mit den Kindern, deren Eltern ihnen nicht die Schule ersetzen können? Hier stossen ja sogar Eltern der gebildeten Schichten an ihre Grenzen – Beruf, Haushalt, Schule…

Was, wenn Gruppierungen der extremen politischen Flügel glauben, die Gunst der Stunde nutzen zu müssen?

Was, wenn Terroristen das auch glauben?

Was, wenn das Virus mutiert und womöglich  gefährlicher wird?

Wird unsere Wirtschaft total zusammenbrechen? Sie ist ja ohnehin schon stark geschwächt, nachdem man sich so intensiv bemüht hat, unsere wichtigsten Industrien zu ruinieren.

Wann gibt es endlich Atemmasken und Schutzkleidung? Nach Corona?

Und brauchbare Testmöglichkeiten? Auch nach Corona?

Zielführende Informationen statt Panikmache und Verächtlichmachung ausländischer Politiker?

 

Fragen über Fragen, aber keine Antworten!

 

Heute hat man mir etwas zugespielt, was anscheinend manche Leute ins Grübeln gebracht hat und auf den ersten Blick verführerisch einleuchtend klang.

Noch eine Verschwörungstheorie. Daran herrscht ja gerade wieder einmal kein Mangel. Die eine behauptet, es gäbe gar keine Pandemie, es handele sich nur um Bemühungen, die Menschheit unter das Joch irgendeines Systems zu stellen, indem man eine Ausrede für Einschränkungen konstruiert habe, die dann dauerhaft bleiben würden. Unwahrscheinlich, dass das funktioniert. Andere beschuldigen Putin, Xi, Erdogan, Trump, den Weltkommunismus, Kim, den Weltfaschismus, und, und, und, das Virus absichtlich in die Welt gesetzt zu haben, um absolute Macht zu erlangen. Und sich dabei selbst zu gefährden. Wohl kaum.

Aber diese hier kann einen zweiten Blick vertragen, denn sie stellt die Größe der Gefahr in Frage. Sie vergleicht mit anderen Krankheiten, die viel gefährlicher seien und keinerlei Beachtung fänden. Zum Beispiel:

 

Ebola

Eigentlich ist klar, warum das nicht weiter beachtet wird. Ebola tritt weitestgehend nur in bestimmten Ländern Afrikas auf. Zu weit weg, um in den entwickelten Ländern als akute Gefahr wahrgenommen zu werden. Das ist sicherlich falsch, aber man steckt trotzdem den Kopf in den Sand und hofft, dass weder das starke Engagement Chinas in Afrika noch leichtfertige Touristen den Rest der Welt mit Ebola beglücken.

 

Die Pest

Die ist heute bestens behandelbar und trotz ihres Restvorkommens in Ländern Asiens und den USA (im „bible belt“, glaube ich) keine echte Gefahr mehr. Ich erinnere mich noch gut daran, als sie das letzte Mal in Indien ihr Glück versuchte. Ich war damals zufällig dort und war schon mit Antibiotika bewaffnet angereist. Aber die Angst war völlig unberechtigt – man kam nicht in die Siedlungen, wo sie sich ausgebreitet hatte. Keinerlei Berührungspunkte. Schwierig war da nur die Weiterreise nach Hong Kong. Hotelbuchung von Indien aus war völlig unmöglich, für Gäste aus Indien gab es in ganz Hong Kong kein Zimmer. Ich musste die Buchung aus Deutschland veranlassen. Und dann die Landung in Hong Kong! Innen wurde der Flieger erst mal gründlich desinfiziert, einschliesslich der Passagiere. Aussen wurde er gründlich gewaschen. Erst danach durften wir aussteigen und wurden streng von allen anderen Reisenden getrennt und überprüft, ehe man uns in die Freiheit entließ.

Vor der Pest hat man einfach zu viel Respekt!

 

Tuberkulose

Ja, absolut. TB ist seit Jahren wieder gewaltig auf dem Vormarsch. Die Zahlen sind riesig im Vergleich zu dem bisschen Covid-19. Aber sie betreffen eine ganz bestimmte Zielgruppe. Um sich Tuberkulose einzufangen, muss man bestimmte Bedingungen erfüllen: Mangel- oder Fehlernährung, gesundheitsschädliche Arbeitsbedingungen, Mangel an Bewegung, Frischluft, Sonnenschein.

Tuberkulose befällt nicht wahllos alles, was ihr in den Weg kommt.

 

Immerhin, bis hierher musste man Fakten prüfen, um die verführerisch logisch erscheinenden Behauptungen widerlegen zu können. Aber auf der Grundlage der Behauptungen wurde es dann reichlich paranoid. Wer will und nutzt das alles zu seinem Vorteil? Klar, die Superreichen. Logisch. Bill Gates und Warren Buffett und noch ein paar in dieser Liga. Da erhebt wieder einmal die Neidgesellschaft ihr hässliches Haupt.

Was um alles in der Welt hätten die „Superreichen“ denn davon, den Bösewicht aus einem James-Bond-Film darzustellen. Paranoia zu widerlegen, erübrigt sich wohl.

Nein, das Problem mit dem Corona-Virus ist schlicht und ergreifend, dass wir zu wenig darüber wissen, dass es keine gesicherten Behandlungsmöglichkeiten gibt und dass es alle Welt völlig unvorbereitet erwischt hat. Deshalb sollten wir lieber übertrieben vorsichtig sein und später über uns selbst lachen. Das ist allemal besser, als nie wieder lachen zu können.

 

30.3.2020

Ach ja, gestern wollte ich mir doch auch noch eine Atemmaske aus einem Kaffeefilter basteln, da es ja im bestens vorbereiteten Deutschland keine zu kaufen gibt. Und effizienter als ein  ums Gesicht gewundener Schal wird so ein Kaffeefilter wohl sein.

Testkits scheinen auch rar zu sein. Es wird wohl sorgfältig darauf geachtet, keine unnötig zu verschwenden. Deshalb werden ja auch Familienmitglieder von positiv Getesteten abgewiesen, weil sie nicht in einem Risikogebiet (China! Italien!) gewesen sind. Naja, zum Ausgleich lassen sich manche, die wohl besonders viel Angst um ihr wohl besonders kostbares Leben haben, gleich mehrmals testen.

Honi soit qui mal y pense…

Heute habe ich endlich Antwort von Freunden in Xi’an erhalten. Alle gesund und munter.

Corona 1.JPG

 

Sie raten mir dringend, nicht ohne Atemmaske aus dem Haus zu gehen.

Grmpfff!

Immerhin, die Kaffeefiltermaske ist gebastelt. Eigentlich dachte ich, es wäre noch Gummilitze da, aber die ist leider nicht auffindbar. Aber mit einem dünnen Strick zum Binden geht es auch.

Corona 2.JPG

 

Eben habe ich noch selbstklebendes Klettband gefunden! Wenn ich das zusätzlich festtackere, müsste es noch besser gehen. Wird beim nächsten Energieanfall ausprobiert.

A propos Energie. Mir war noch nie so klar wie gerade jetzt, wie wichtig es ist, den Tag gut zu strukturieren…

Der innere Schweinehund versucht immer wieder sein Glück!

Wenn man Freunde und Familie nicht sehen kann, ist man viel mehr zuhause und nimmt Dinge in Angriff, für die man normalerweise hervorragende Ausreden findet. Nun ist mir aufgefallen, dass ich in den letzten Tagen viel gesucht und wenig gefunden habe und habe vorhin Mut gefasst und die Schubladen mit meinen Nähutensilien in Augenschein genommen. Kein Wunder! Katastrophal! Die sind jetzt dran.

Übrigens sind heute noch so ein paar Videos mit allen möglichen Theorien darüber aufgetaucht, dass wir alle spinnen, wenn wir uns so einschränken lassen. Habe gerade die neuesten Nachrichten aus Spanien gelesen. Wir spinnen nicht. Hoffentlich bleibt uns das erspart.

Ich glaube, wenn man in Deutschland sitzt, vielleicht den einen oder anderen Infizierten kennt und niemanden sterben gesehen hat, ist es momentan sehr leicht, das alles als grosse Verschwörung oder Spinnerei abzutun. Möge Gott, Allah, Brahma, der Grosse Manitou oder wer auch immer geben, dass wir uns das weiterhin leisten können.

Im Fernsehen nerven sie schon wieder mit ihren als Danksagung verkleideten Werbesendungen. Ist ja vielleicht – auch  – gut gemeint. Aber in erster Linie sollten die Leute anständig bezahlt werden. Wir brauchen sie, nicht nur jetzt, sondern immer. Jetzt merken wir es bloß endlich. Ein guter Anfang wäre schon, die Riesensummen, die man in diese Werbesendungen steckt, an die Menschen zu verteilen, denen man so innig dankt.

 

31.3.2020

 

Habe gerade eine Retoure zur Post gebracht. Nur die beiden Mitarbeiter hinter ihren Schaltern und Plexiglasschutz im Laden. Kein Kunde weit und breit. Und draussen haben alle gewaltige Bögen umeinander gemacht. Ich hatte meine Kaffeemaske zwar dabei, habe aber unter diesen günstigen Umständen gerne darauf verzichtet, sie umzubinden.

Und sonst war heute nicht viel los. Früh mit dem Hund in den Wald, mittags mit dem Hund in den Wald, gegen Abend mit dem Hund in den Wald, heute Nacht noch einmal mit dem Hund in den Wald.

Schubladen ausgeräumt, gereinigt, angefangen, sie wieder einzuräumen.

Unser frisch operierter Hausgenosse, der sich unter keinen Umständen infizieren darf, hat sich endlich bereit erklärt, seine Nachbarn für ihn kochen zu lassen.

Die Sonne scheint, der Wind ist eisig.

Ich probiere jetzt einmal aus, ob ich den Blog auch auf dem Tablet hinkriege. Wäre natürlich toll. Dann könnte ich ganz andere Reiseberichte schreiben, wenn wir wieder reisen können…

Es geht nicht. Ich kriege mein Machwerk auf dem Tablet nicht von Word zu WordPress. Morgen früh versuche ich es noch einmal. Und wenn es dann auch nicht klappt, werde ich für diesen Beitrag auf altbewährte Methoden zurückgreifen und künftig direkt auf der Webseite schreiben.

 

Bleibt gesund!

 

Ein Gedanke zu „Meine höchsteigene Corona-Chronik – Teil 2“

  1. Ich stimme nicht mit allem überein, aber ich finde deine Gedanken sehr interessant. Tatsächlich hab ich mir auch schon um die Gunst der stunde Gedanken machen. Man muss aufpassen, dass man den Befürchtungen etwas entgegensetzt und hoffen das das alles gut geht.

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