Meine höchsteigene Corona-Chronik

Letztes Jahr habe ich nicht viel geschrieben, mir war nicht so danach. Aber jetzt juckt es mich wieder in den Fingern, auch wenn ich gar nicht reisen darf…

Deshalb fange ich jetzt an mit meiner höchsteigenen Corona-Chronik

24.3.2020

Die Idee hätte mir ruhig schon etwas früher kommen können!

Ob ich jetzt noch all meine Gedanken zusammenkratzen kann? Von Dezember bis jetzt?

Sehr zweifelhaft, aber einen Versuch ist es wert.

Und wenn der Blog auch heißt „Reisen Futtern (Nach)kochen“ – so eine Art Reise ist das ja jetzt auch, eine Reise in äusserst ungewohnte und unerwartete Erfahrungen, eine Reise mitten in eine

Science Fiction Story.

 

Und beim Gedanken an Science Fiction fallen mir als Erstes die ganzen amerikanischen Geschichten ein, bei denen es ruckzuck darum geht, dass alle ihre Vorstellungen mit Waffengewalt durchsetzen wollen, bis zum Schluss der gute Bewaffnete siegt. Schwer vorstellbar. Hoffen wir einfach mal, dass das so nicht kommt.

Obwohl, wenn ich so an Klopapier denke – ausgesprochen sozial haben sich die Leute ja nicht gerade gezeigt…

Und wenn es ihnen zuhause langweilig wird…

Lieber nicht darüber nachdenken.

Seit gestern trudeln bei mir immer mehr Mails ein von Leuten, die ich auf früheren Reisen und Kreuzfahrten kennengelernt habe. Es war immer so das Übliche: man verstand sich wunderbar unterwegs, tauschte Adressen und Kontaktdaten aus, schrieb ein paar Mails, schickte ein paar Fotos hin und her, und dann schlief die Geschichte ein. Jetzt plötzlich, unter dieser gemeinsam empfundenen Bedrohung,  denken Menschen in der ganzen Welt aneinander und vergewissern sich, dass es den Reisegenossen von einst gut geht, dass alle gesund sind.

Das ist wunderschön.

Und wenn man nach Frankfurt hineinfährt, sieht man die Wechselanzeige gleich bei der Stelle, wo sie immer die Radarfallen verstecken. Sonst steht da immer drauf, was man nicht darf. Heute:

Haltet Abstand,

Bleibt zuhause

Bleibt gesund

 

Irgendwie finde ich das auch wunderschön.

Aber ich bin ein bisschen verunsichert wegen des Autofahrens. Gut, heute hatte ich etwas zu erledigen, sehr vorsichtig mit Gummihandschuhen, grosser Brille und leider ohne Atemmaske, dafür mit Abstand. Aber darf ich eigentlich auch mal zum Vergnügen ein bisschen durch die Gegend fahren? Ich möchte ja gar nicht anhalten, nur ein wenig geniessen, die Sonne scheint so schön, Forsythien und Schlehen stehen in voller Blüte, bald kommen die Magnolien dazu und die Obstbäume. Und weiter unten im Flachland schimmern die Bäume schon grün. Darf ich da ein oder zwei Stunden durch die Gegend kreuzen, Batterien aufladen?

Im Auto besteht doch keine Ansteckungsgefahr, weder aktiv noch passiv.

Vorhin war auch eine liebe Nachbarin hier und hat mir geholfen, dem Hund die Krallen zu stutzen. Das wollten wir eigentlich schon vor einiger Zeit machen, aber sie hatte Grund zu der Befürchtung, dass sie sich angesteckt haben könnte. Gestern endlich erfuhr sie, dass das nicht geschehen war. Also haben wir uns heute den äusserst unwilligen Hund vorgenommen. Der Hund mit Maulkorb, die Nachbarin mit einer etwas zerknautschten Maske, ihrer letzten!, und ich mit einem Schal dreimal um Mund und Nase gewickelt. Man weiss ja nie…

Diese ständige Unsicherheit ist schon ziemlich belastend!

Sie wird ja auch noch dadurch verstärkt, dass von den lokalen Behörden, der lokalen „Führung“ so absolut gar nichts kommt. Keine Telefonnummern, die man anrufen könnte, keine Hinweise, ob man sich irgendwo testen lassen kann und wie das ablaufen könnte.

Nichts. Man stellt sich tot.

Aber immerhin, inzwischen haben viele eingesehen, dass es besser ist, nicht so nahe an andere Menschen heranzugehen. Gestern und heute haben die wenigen Leute, die draussen herumliefen, einen großen Bogen um mich gemacht.

Am Sonntag sah das noch völlig anders aus. Die Wege waren randvoll und kaum jemand versuchte, Abstand zu halten.

Heute leere Wege, freie Strecken, kondensstreifenfreier Himmel – geradezu unheimlich. Früh am Morgen beim allerersten Gassigang war ich richtig erleichtert, als weit im Osten über dem Horizont zwei Kondensstreifen auftauchten. Davor hatte ich Sorge, dass nachts noch irgendetwas Schreckliches passiert sein könnte.

Heute früh wollte ich übrigens eigentlich nach Budapest fliegen. Das Hotel hatte ich schon vor einigen Tagen storniert, als die ungarischen Touri-Webseiten noch steif und fest behaupteten, in Ungarn käme Corona nicht vor. Nur den Flug konnte ich nicht stornieren. Erstens weil es ein Billigflug der Lufthansa war. Aber vor ein paar Tagen sah ich, dass Lufthansa auch bei solchen Flügen kulant sein und Umbuchungen zulassen will. Ging zweitens aber bei meinem Flug nicht, weil ich ausprobiert hatte, wie die Flugbuchung über booking.com funktioniert. Das Buchen war kein Problem. Aber die Kontaktaufnahme zwecks eventueller Umbuchung oder Stornierung war ein Problem. Da kam keine Reaktion. Erst heute früh, kurz vor der Abflugzeit, kam per SMS die Info, dass der Flug annulliert ist. Ich habe dann beim Kundenservice per Mail um Erstattung gebeten und wurde informiert, dass ich mich per Mail oder Chat beim Kundenservice melden soll, wenn ich ein Anliegen habe.

 

???

 

Künftig buche ich meine Flüge wohl doch lieber wieder direkt bei den Fluggesellschaften.

 

25.3.2020

Im April wollte ich nach Meran. Und anschliessend nach Mantua. Gestern storniert.

Ich habe das lange vor mir hergeschoben, aber gestern hatte ich die Hoffnung auf ein Wunder aufgegeben.

Sämtliche Pläne für Oper und Konzerte bis in den Mai hinein sind ins Wasser gefallen. Bin sehr gespannt, ob das Rheingau-Musik-Festival dieses Jahr stattfinden kann. Und so ganz, ganz langsam fange ich an, mich zu fragen, ob wir 2021 noch daran interessiert sein werden.

Aber vielleicht sollte ich meine heutigen Gedanken nicht so ernst nehmen. Bin irgendwie gerade mit mir und der Welt zerfallen.

 

26.3.2020

Gestern war ein verschwendeter Tag. Nichts lief.

Heute war deutlich besser. Ich habe heute zum ersten Mal meinen Einkaufsplan für Frischgemüse ausprobiert. Gestern Einkaufslisten – meine und die von Nachbarn – an den Gemüsehändler gemailt.

Heute hingefahren, er hat alles n den Kofferraum gestellt, ich hab’s den Nachbarn vor die Türe gestellt. Ich überwies an den Händler, die Nachbarn an mich, Ansteckungsmöglichkeiten minimiert. Alles gut.

Und den Gemüsehändler habe ich wohl auf eine Idee gebracht:

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Mittags langes Waldgassi unter diesem herrlich streifenfreien Himmel,

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krampfhaft Abstand zu einer sechsköpfigen Wandergruppe gehalten, die ihrerseits darauf keinen Wert legten, sondern dampfplaudernd gar nicht wahrzunehmen schienen, dass ausser ihnen selbst noch mehr Leute existierten.

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Mit Freunden telefoniert.

Herausgefunden, welches Problem die Nähmaschine dieses Mal hat – ein wirklich effizienter Tag.

Leicht beeinträchtigt durch die Informationen zur Effizienz von Testzentren, Gesundheitsämtern und so.

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Und durch die immer beängstigender werdenden Vermutungen über die Dunkelziffer.

 

Man reiche mir Politiker und Beamte, die wissen, was sie tun.

 

Zum krönenden Abschluss habe ich mir eine blaue Margarita gemixt,

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sie in mein schönstes Martiniglas gefüllt

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und versucht, ein brauchbares Fernsehprogramm zu finden. Leider ohne Erfolg, wie meistens.

Alles gut.

Noch.

Welch ein Unterschied gegenüber meiner Einstellung vor genau einem Monat!

 

Februar

 Am 14. Februar noch schnell zur Goldatzel gefahren, Wein kaufen. Gestern haben sie dort ihren Gutsausschank für 2020 geöffnet. Die Gaststube war gerammelt voll, aber die Terrasse war ganz leer. War zwar etwas frisch, aber dafür war die Luft virenfrei. Und wenn auch die Aussicht etwas darunter litt, dass der Weinberg unmittelbar vor der Terrasse umgepflügt war, so war der Blick auf den Rhein und hinüber nach Rheinhessen doch immer noch sehr schön. Und nach einer Weile kamen noch zwei Gäste, die lieber draussen sitzen wollten. Wenigstens war ich jetzt einmal dort; ich glaubte nicht, dass sie nächste Woche noch geöffnet sein würden. Was ja auch stimmte.

 Am 16. Februar gab es eine Benefizveranstaltung, Ballett, das wollte ich mir nicht entgehen lassen, obwohl ich ja durchaus schon wusste, dass es schlauer wäre, Menschenansammlungen zu vermeiden.

Die Aufführung war wunderschön, das Publikum hat tüchtig gehustet, also vorher und nachher, nicht so sehr während der Aufführung. Am meisten hustete meine Gesprächspartnerin. Wir machten ordentlich Witzchen darüber, versuchten Abstand zu halten, aber auf 1,5 m kamen wir eher nicht. Die Einzigen, die konsequent Abstand wahrten, waren die asiatischen Besucherinnen.

Eine Woche später Schwarzlichtminigolf und anschliessendes Waffelessen mit den Kindern. Hat einen Riesenspass gemacht, aber auch da im Hinterkopf das dringende Gefühl, ich sollte da nicht sein. Die Kinder wohl eigentlich auch nicht.

In der letzten Februarwoche grosser Familienbesuch, also ich bei Familie eingefallen. Da fürchtete ich schon, dass das bald nicht mehr möglich sein wird, hielt es auch nicht für besonders klug, aber…

Wenn ich schon mal da war, noch mit Freundin getroffen und Ausflug gemacht. Freundin ist Chinesin – wir hielten eisern Abstand zu allen, also fast, nicht zu einander. Und wählten unser Ausflugsziel sorgfältig aus: nicht zu einem Ort, wo es schon Infektionen gegeben hatte. Dabei war uns eigentlich klar, dass schon da wahrscheinlich die Dunkelziffer recht fortgeschritten sein durfte.

Am letzten Tag noch 2 Geburtstage mitgefeiert, mit vielen Umarmungen. Nach der Heimfahrt noch schnell zu einem dritten Geburtstag. Der 1. März scheint enorm beliebt zu sein zum Geborenwerden.

Und dann? Nach ein paar Tagen kratzte es im Hals und ich fühlte mich fürchterlich schlapp. 2 Wochen Angst. Aber ich hatte kein Fieber, und Geruchs- und Geschmacksempfinden waren voll funktionsfähig.

Alles gut.

Gleich im Anschluss Friseurtermin!

Soll ich, soll ich nicht?

Ach was, der kommt ja nur von hinten an mich dran, und die Haare haben’s wirklich nötig. Und ehe ich mich versah, zupfte mir ein junges Mädchen an den Augenbrauen herum und hauchte mir dabei aus wenigen Zentimetern Abstand ins Gesicht. Sie beteuerte aber, dass sie dabei keine Angst hätte.

Ach ja…

Das beruhigte mich ungemein.

Wieder zwei Wochen Angst.

Alles gut.

 

27.3.2020

 

Und heute kann ich mir einfach nicht vorstellen, wie sich die Menschen in den Risikogruppen je wieder sicher fühlen sollen.

Ganz abgesehen davon, dass wir ja wohl noch gar nicht ganz sicher sein können, wer die Risikogruppen sind. Die Pauschalbehauptung, alte Menschen seien gefährdet und junge nicht, ist ja ganz offensichtlich falsch. Es gibt alte Menschen, bei denen die Infektion sehr leicht verläuft und junge, die daran sterben. Da müssen noch mehr Faktoren eine Rolle spielen. Zu diesen Faktoren gehören offenbar Vorerkrankungen unterschiedlichster Art, Rauchen, schwache Immunabwehr. Was noch?

Und ob die derzeit hierzulande bevorzugte Strategie funktioniert, weiss auch niemand. Der einzige Vorteil, den wir wohl wirklich gegenüber den Menschen in früheren Pandemiezeiten haben, ist  zu wissen, dass menschliche Nähe die Übertragung von Krankheiten begünstigt. Wir verzichten also darauf, uns in Kirchen und bei Prozessionen zusammenzurotten. Die Bittgebete nützten nur den Erregern.

Und wir haben das grosse Glück, trotz Isolation mit unseren Familien und Freunden in Kontakt bleiben zu können. Den Erfindern von Telefonie und Internet sollten wir sehr dankbar sein.

Um die Lebensgeister noch ein bisschen besser auf Vordermann zu bringen, bin ich nachmittags zwei Stunden spazieren gefahren. Wenig Verkehr, und man hat durchaus den Eindruck, dass niemand gerne ins Krankenhaus möchte – niemand fuhr bei Rot! Aber unten im Flachland blühen schon ganz viele Sträucher und Bäume, das erste Grün lässt sich blicken, das belebt sehr. Es ist halt schade, dass man nicht einkehren kann, dadurch fallen Tagesausflüge erst einmal aus. Aber es gibt sicher Schlimmeres.

 

28.3.2020

 Heute bin ich nicht mehr ganz so pessimistisch, obwohl mich der Gedanke nicht los lässt, wie sich das Ganze weiter entwickeln wird. Wenn ich mir die Zahlen aus Spanien, Italien, New York anschaue, drängt sich der Gedanke auf, dass der hierzulande bisher doch recht gnädige Verlauf uns in falscher Sicherheit wiegt und ein sehr böses Erwachen zur Folge haben könnte.

Nun, wir werden es wohl demnächst wissen.

Zum Mittagessen gab es Spargel, und dann ging es mit dem Hund in den Wald. Es war, da noch Mittagszeit, recht wenig Betrieb auf dem Waldweg. Ich traf ein junges Pärchen, das sich begeistert auf den Hund stürzte und streichelte und liebkoste, was mich veranlasste, meinen Wauwau zuhause zu desinfizieren – wie soll ich wissen, ob die Leute das Virus mit sich herumschleppen. Und ob es sich auf Hundefell hält und mich befallen kann?

Kurz danach traf ich ein zweites Pärchen, schon deutlich älter, das sich ängstlich in das Dornengestrüpp am Wegrand quetschte, um nicht mit meinem Hund in Berührung zu kommen. Im Gespräch stellte sich heraus, dass sie eigentlich Hunde recht gern mögen, aber Angst vor Ansteckung haben, egal ob aktiv oder passiv. Der Mann berichtete, dass er seit vier Wochen jeden Morgen Fieber misst.

Hm.

Muss doch auch mal versuchen, mein Fieberthermometer zu lokalisieren. Keine Ahnung, wo sich das herumtreibt.

Dann bin ich noch ein wenig spazieren gefahren. Morgen soll das Wetter deutlich schlechter werden.

Strassen und Parkplätze waren sehr, sehr voll. Autos, Motorräder, Fahrräder – alles war unterwegs und auf den Wegen am Rhein, rund um Johannisberg, Kloster Eberbach und die vielen anderen schönen Plätze dort drängten sich die Menschen dicht an dicht. Zum Aussteigen hatte ich da keine Lust, sondern wich auf kleine Nebensträsschen aus, wo ich nur einmal kurz anhielt, um ein Foto zu machen.

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Und damit beende ich den ersten Teil meiner Chronik. Morgen beginnt der zweite Teil, aber erst, wenn ich diesen Text eingestellt habe.

 

Bleibt gesund!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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