Teil 1
Anreise, Tokio und Yokohama
Nach Japan wollte ich ja schon immer mal. Und vor nicht allzu langer Zeit habe ich wieder einmal James Clavell’s Buch „Shogun“ gelesen und war ordentlich angefixt. Da kam mir eine Werbung des Reiseveranstalters„Dreamlines“ gerade recht: Eine Kreuzfahrt, die fast alle Stätten in Japan berührte, die ich mir gerne einmal ansehen wollte und als kleines Leckerle obendrauf 3 Häfen in Südkorea und zum Abschluss eine Stippvisite in Shanghai.
Selten so schnell gebucht, denn ich gewann den Eindruck, dass das Angebot sich grosser Beliebtheit erfreute und bald ausgebucht sein würde. Das stellte sich dann zwar als eine Fehlinterpretation meinerseits heraus, denn bei der Kreuzfahrtgesellschaft direkt gab es noch reichlich Kabinen, aber mit den Arrangements von Dreamlines hatte ich schon öfter sehr gute Erfahrungen gemacht. Also teilte ich meine Sonderwünsche mit – vorher ein bisschen Tokio, ohne Führungen, aber mit Transfer zum Hotel und zum Schiff und nachher in Shanghai erst recht keine Führungen, aber Transfers zum Hotel und zum Flughafen und ein ganz besonderes Hotel.
Es fiel den Mitarbeitern von Dreamlines nicht ganz leicht, mit meinem Verzicht auf Führungen klarzukommen, aber sie akzeptierten es schliesslich schweren Herzens und buchten mir ein zentral gelegenes Hotel in Tokio und mein Wunschhotel in Shanghai: das Peace Hotel, das mit der berühmten Jazzband. Da wollte ich schon immer einmal wohnen, aber bisher hatte sich das nie ergeben. Früher war es unter chinesischer und nicht sehr professioneller Leitung und dann wurde es eeeewig umgebaut. Aber jetzt ist es fertig, gehört zur Fairmont-Gruppe und die Jazzband spielt wieder Jazz, wie ich gehört hatte und wie sich das gehört.
Am 9. Oktober packte ich also meine Koffer – Herbst: erfahrungsgemäss waren auf diesen Breitengraden so einige kalte Tage und im Süden Japans auch ein paar warme zu erwarten = arg viel Gepäck! -, brachte den Hund ins Hundehotel und flog am 10. ab. Dreamlines hatte mich auf die Fluggesellschaft von Hong Kong, Cathay Pacific, gebucht, damit war ich sehr zufrieden. Der Abflug fand bei gutem Wetter statt, so dass es mir gelang, sogar ein paar gute Fotos von Frankfurt aus der Luft zu schiessen.


Und kurz vor der Landung in Hong Kong solche vom Sonnenaufgang zwischen 2 dicken Wolkenschichten,

ansonsten war der Flug recht bequem, das Essen gut, vor allem merkwürdigerweise die Tomatensuppe; ich liebe Tomaten in jeder nur erdenklichen Form, ausser in Tomatensuppe, aber an die hätte ich mich gewöhnen können. Und der Flug war genau so, wie ein Flug sein soll: kein bisschen aufregend.
Die Ankunft in Tokio war angenehm, die Passkontrolle freundlich, auffällig war nur, dass ein Beamter wohl der festen Überzeugung war, dass ich unbedingt etwas Verbotenes dabei haben müsste: er zeigte mir wieder und wieder Bildchen von Waffen, Hasch und Ecstasy-Pillen und fragte, ob ich wirklich ganz sicher sei, das nicht bei mir zu haben. Aber schliesslich musste er doch lachen, als ich sagte, er solle mal genau hinschauen, ob ich wirklich so gefährlich aussehe.
Das Wetter wirkte etwas trübselig, aber es war angenehm warm, mein Hotel, das Park Hotel Tokyo, lag genau so zentral und günstig, wie mir Dreamlines das versprochen hatte, denn ich erlaufe mir fremde Städte ganz gern, und das ist ja schon schwierig, wenn man irgendwo weitab wohnt. Allerdings war das gebuchte Zimmer so winzig, dass entweder mein Gepäck ODER ich hineingepasst hätten, und das Fenster ähnelte stark einer Schießscharte, aber gegen einen geringen Aufpreis durfte ich umziehen in ein sehr hübsches – und grosses – Zimmer mit einem traumhaften Ausblick über die Stadt. Und weil man kein Einzelzimmer verfügbar hatte, das meinen Wünschen entsprach und mir deshalb ein Doppelzimmer mit Zusatzbett (die perfekte Kofferablage! ;-)) geben musste, bekam ich zum Trost noch eine Schachtel wunderbare Pralinen…

Verhaltensanweisungen für alle Fälle,
einschliesslich Erdbeben – sehr beruhigend!
Ja, hm, Tokio. Ich war ja davon ausgegangen: Stadt wie jede andere; ein ganzer und zwei halbe Tage langen dicke: bisschen Ginza, bisschen Palast und kaiserliche Gärten, vielleicht noch irgendein Tempel und aus.
Also, gelegentlich irre ich mich.
Doch, das kommt vor!
Am ersten, halben, Tag war ich voll damit beschäftigt, die verschiedenen Ebenen zu untersuchen, auf denen sich Leben und Verkehr dort abspielen,


Fussgängerebenen
und natürlich die ersten paar hundert Meter Ginza. Am zweiten, ganzen, Tag, einem Freitag, zog es mich zu den kaiserlichen Gärten.


Freitags haben die zu!

Die Kaiserlichen Gärten von
aussen.
Der dritte, halbe, Tag wurde weitestgehend darauf verschwendet, das Chaos im Koffer, das ich an den beiden vorangegangenen Tagen angerichtet hatte, halbwegs transportabel zu gestalten.
Fazit? Ich muss noch mal nach Tokio! Nicht mal den Tempel, den ich von meinem Fenster aus klar und deutlich sehen konnte, habe ich geschafft! Und auch nicht den rot angemalten Eiffelturmverschnitt, auf den man dort offenbar mächtig stolz ist!

Hoffentlich wirft mein Blog irgendwann einmal genug ab für einen extensiven Besuch in Tokio.
Ich muss mehr arbeiten…
Aber jetzt erst einmal ein paar Eindrücke.
Japan ist ganz und gar nicht, was ich erwartet habe, wirklich nicht.
Schon allein diese extreme Sauberkeit und Ordnung! Und auch der Gesamteindruck – wenn da nicht die fremdartige Schrift überall wäre, käme man gar nicht auf die Idee, in Asien zu sein.
Und dann die Leute!
Ich glaube, hilfsbereitere und höflichere Leute gibt es nirgendwo. Und noch dazu denken sie, ehe sie ihre Hilfeleistung in Angriff nehmen.

Zum Beispiel war ich zutiefst beeindruckt von einer Verkäuferin im Ginza-Kaufhaus Matsuya Ginza: ich trinke ganz gerne abends ein Gläschen Wein, vorzugsweise trockenen Riesling. In der Minibar in meinem Zimmer gab es Wein, aber der Preis war doch arg astronomisch. Ich machte mir die grössten Sorgen, dass ich jetzt abstinent leben müsste. Geht zwar, aber…
Also führte mich mein Initialausflug über die Ginza zu besagtem Kaufhaus. Übrigens, ich kann kein Japanisch. Aber ich fand den Weinverkauf im Kaufhaus. Und es gab deutschen Weisswein. Und es gab eine Verkäuferin. Die konnte eher wenig Englisch.
Aber auf Nachfrage kannte sie das Wort Riesling. Und fand mir einen erstklassigen Deidesheimer. Sie suchte sodann im Kühlschrank, weil sie sich dachte, dass ich den Wein bald trinken möchte. Wurde fündig. Hat die Flasche mit Kühlpacks und Folie umwickelt, in eine Tragetasche gepackt und mit viel Zeichensprache strahlend mitgeteilt, dass ich sie gleich geniessen kann, wenn ich wieder in meinem Zimmer bin.
Der Wein war teuer. Aber im Vergleich zur Minibar? Und das Erlebnis, eine solche umsichtige und fürsorgliche Verkäuferin kennenzulernen, ist sowieso mit Geld nicht zu bezahlen.
Überhaupt umsichtig: es gibt in Tokio an allen Ecken und Enden „rest houses“, wo der erschöpfte Touri sich erholen kann. In manchen KANN man etwas zu essen oder zu trinken bestellen, aber man muss nicht. Ist das nicht super? Einfach bequem an einen Tisch setzen, schauen, was die Leute ringsum so treiben, Fotos auf dem Kamerachip kontrollieren. Und, wenn die Füsse nicht mehr weh tun, weiterlaufen.

So schön kann man auf der Terrasse eines „rest houses“ sitzen und sich erholen, ohne dass man auch nur einen einzigen Yen ausgeben muss.
Am zweiten Tag, als ich zu den -geschlossenen – kaiserlichen Gärten wanderte, war ich dafür ziemlich dankbar.Man läuft ja nicht schnurgerade zum Ziel, man sieht hier was, denkt, man habe dort etwas gesehen und muss natürlich gleich nachschauen. Gut, dass es im Hotel erstklassige Stadtpläne zum Mitnehmen gab. (Die Strassenschilder sind glücklicherweise alle zweisprachig.) So konnte ich nach der Enttäuschung mit den Gärten leicht zum Bahnhof und der darunter befindlichen Ramenstrasse finden.

Ramen kennt ihr doch? Diese herrlichen Nudelsuppen. Und unter dem Tokioter Bahnhof folgt ein Ramen-Restaurant auf das andere. Ich bin fast ganz sicher, dass das, wo ich endlich einen freien Platz fand, koreanisch war. Aber die Nudelsuppe war auch dort überwältigend. Es gab halt Kimchi dazu. Schön scharf.

Und unterwegs all die sehr disziplinierten Schulklassen auf Ausflug…

Faszinierend!
Faszinierend fand ich auch ein italienisches Restaurant, das sein Speisenangebot in Plastik nachgebildet hatte, so wie es hierzulande manche asiatischen Restaurants tun – sehr exotisch!

Und Baumkuchen… 
Und elegante Damen im Kimono…

Überhaupt sind die meisten Japanerinnen sehr, sehr chic, wenn auch eher selten im Kimono.
Abends habe ich dann im Hotel gegessen: Wagyu-Rind. Ist schon etwas anderes als das, was hierzulande gelegentlich als Wagyu verkauft wird.
Und es gab einen erstklassigen Wein dazu, japanischen! Chardonnay aus Sapporo. Auch das kam etwas unerwartet.
Überhaupt kann ich das Hotel samt seinem Restaurant nur wärmstens empfehlen. Die Lage ist perfekt, das Zimmer war gemütlich und der Service hervorragend. Vor allem der Concierge war unübertrefflich. Wenn ich wissen wollte, wo oder wie etwas geht und seine Erklärung nicht verstand, ist er kurzerhand mit mir losgezogen und hat mir gezeigt, was ich wissen musste.
Nach dem Abendessen wollte ich noch in meinen Unterlagen nachschauen, wann ich am nächsten Tag abgeholt werde. Alle Unterlagen waren spurlos verschwunden!
Panik!!!
An der Rezeption meinten sie, das könnte locker das Zimmermädchen gewesen sein, das meine Unterlagen für Altpapier gehalten hätte. Schwer vorstellbar, aber auch in Japan gibt es Probleme, in der Gastronomie qualifiziertes Personal zu bekommen. Und ich war schon ziemlich sicher – trotz Jetlag -, dass ich sie am Vorabend noch in der Hand hatte, aber in dem Zustand macht man manchmal auch komische Sachen… Ich denke, die Hotelleute hielten sich an die Regel „der Gast hat immer Recht“.
Jedenfalls hatte ich zum Glück alles fotografiert, und die Jungs an der Rezeption haben mir alles ausgedruckt und ihre Kollegin hat mich getröstet und mein „Risikomanagement“ schwer bewundert.
Falls ich es wirklich noch einmal nach Tokio schaffe, werde ich ganz sicher wieder dort wohnen wollen.

Beim Frühstück am letzten Morgen in Tokio traf ich noch ein Ehepaar aus Hamburg, die Interessantes und Erschreckendes über die Rote Flora und den G20-Gipfel zuberichten wussten – die schwarzen Kohorten dort hätten ein ganzes Jahr im Voraus Krawall trainiert, sich auf ihren grossen Tag vorbereitet und die Polizei hätte nur zugeschaut… es sei auch allgemein bekannt, dass dort schwarze Geschäfte am laufenden Band getätigt werden, aber selbst das Finanzamt hätte Angst. Wenn es doch nur vor mir auch Angst hätte…
Bin schon doch ganz froh, dass ich dort nicht leben muss.
Nachdem ich dann meine Koffer irgendwie gezwungen hatte zuzugehen, mich am Empfang des Park Hotel Tokyo und beim Concierge herzlich verabschiedet und versichert hatte, dass ich ganz gewiss wiederkomme, wurde ich nach Yokohama zur Anlegestelle meines Schiffes gebracht.
Also, wann Tokio aufhört und Yokohama anfängt, lässt sich beim besten Willen nicht feststellen. Interessantes zum Gucken gab es auf der ganzen Strecke nicht, da war es gut, dass mein Fahrer hervorragend Englisch sprach – er hatte lange Zeit in Kalifornien gelebt – und sehr kommunikativ war. Und natürlich kamen wir auch auf die Politik zu sprechen. Er bedauerte uns Deutsche zutiefst, weil wir doch das mit den Flüchtlingen hätten. Bei ihnen in Japan könnte sowas zum Glück nicht passieren, bei Inseln könnte man halt die Grenzen besser schützen. Was sollte ich dazu sagen, man muss ja auch wollen…
Die Einschiffung war hervorragend organisiert. Da muss ich Celebrity Cruises wirklich ein Kompliment machen. Ich war in Rekordzeit an Bord der Millennium. Aber leider nicht in der Kabine, die war nicht fertig, und sie sollte auch noch eine ganze Weile nicht fertig werden. Aber das war nicht weiter schlimm, ich habe mir ein Gläschen Wein an einer der Deckbars geholt (zu meiner Kabine gehörte ein Getränkepaket) und dem Treiben am Kai zugeschaut.

Yokohama hat die Anlegestelle für Kreuzfahrer wirklich sehr attraktiv gestaltet. Und den Japanerinnen zuzuschauen, wie sie Hula trainierten, war höchst unterhaltsam.

Übrigens,das Getränkepaket, ich hatte sowas vorher noch nie und wusste nicht so recht, wie es funktioniert, und bis zur Einschiffung hat man mich pausenlos mit Mails traktiert, in denen ich aufgefordert wurde zuzuzahlen, damit ich ein besseres Getränkepaket kriege. An Bord habe ich dann herausgefunden, dass ich die meisten Weine und Cocktails, frischgepresste Säfte und Wasser, Kaffee und Tee sowieso in unbegrenzten Mengen trinken kann – für was braucht man da ein Upgrade? Ich kann doch nicht extra für die eine Reise zum Alkoholiker mutieren!
Nun, irgendwann war mein Glas leer und die Kabine fertig, das Gepäck stand vollzählig davor, aber der Schlüssel funktionierte nicht. Habe bei Guest Relations um Hilfe gebeten, wurde beschieden, dass sofort jemand kommt– aber es kam niemand. Warten, warten, warten, schliesslich habe ich den Kabinensteward erwischt, und der hat den zuständigen Kollegen herbeizitiert. Der arme Kerl war ziemlich genervt, die Frau von Guest Relations hatte ihn unter der Dusche erwischt, wusste, dass es dauern würde, war aber nicht schlau genug, jemand anderen zu schicken. Naja, jetzt schloss er mir auf, programmierte den Schlüssel korrekt. Ich zog ein und fand als Nächstes, dass der Safe nicht funktionierte. Auch das wurde behoben und irgendwann hingen die Kleider im Schrank, die Koffer waren unter dem Bett und ich konnte mein vorübergehendes Heim inspizieren.
Die Kabine sah aus, wie solche Kabinen halt aussehen: ein schmaler Schlauch, vorne auf einer Seite Schränke, auf der anderen Seite eine winzige Nasszelle, dann weitet sich der Schlauch so weit, dass Platz ist für ein Bett, an dem man sich gerade so vorbeizwängen kann, dann noch auf einer Seite ein kleiner Frisier(oder Schreib-)tisch, auf der anderen ein Minisofa mit Minitischchen, ein kleinerBalkon.
Sah alles schon ein bisschen abgenutzt und verrostet aus. Aber was soll’s, das Bett war bequem, die Dusche funktonierte, wenn sie auch gerne etwas mehr Druck hätte haben können. Und es war ja nicht für immer…
Jetzt war es Zeit für eine Informationsrunde durch das Schiff – die Millennium ist ja schon arg gross: 294 m lang, 32,2 m breit, 999 Mann Besatzung, Platz für 2460 Passagiere. Da gibt es viel zu erkunden. Zunächst ging ich mal zurück dahin, wo die ganzen Schalter sind, an denen Passagiere Rat und Hilfe finden sollen und stellte erfreut fest, dass es geschickt war, meine Ausflüge schon zuhause am Computer zu buchen. Die Schlangen am Ausflugschalter waren gewaltig, und man hörte nur immer wieder „sorry, this excursion is already fully booked“
Dann musste ich nachschauen, wo die Pools sind, was für Sportmöglichkeiten es gab, welche Restaurants und welche Bar mir am besten gefallen würden. Auch das Theater musste ich besichtigen, denn erfahrungsgemäss wird man da immer wieder mal hingeschickt, um sich für einen Ausflug, eine Übung oder einen Vortrag zu versammeln.
Noch ein kurzer Schaufensterbummel (Glück gehabt, da scheint es nichts zu geben, was ich dringend brauche, ohne dass ich das vorher gewusst hätte) und dann Abendessen im Bufettrestaurant, ein Glas Wein und ab ins Bett, endlich das Jetlag wegschlafen.
In Yokohama blieb das Schiff über Nacht vor Anker,

und für den nächsten Morgen hatte ich schon einen kleinen Ausflug gebucht. Es ging zum Sankeien-Park, gefolgt von einer kleinen Stadtrundfahrt.
Auf den Park war ich sehr gespannt, denn ich liebe die alten Parkanlagen in China und hegte die Hoffnung, dass die Japaner das mindestens genauso gut könnten und die Schönheit des Parks noch durch die Herbstfärbung des Laubs gesteigert würde. Nun, der Park ist wirklich sehr schön, aber von buntem Herbstlaub konnte noch keine Rede sein.

Auch in Japan hat das Wetter dieses Jahr verrückt gespielt, und die meisten Bäume waren der festen Überzeugung, es sei nochSommer. Nur der Lotosteich hatte schon aufgegeben und sah recht zerrupft aus. 
Zum Ausgleich durften wir uns das historische Wohnhaus eines hochrangigen Samurai anschauen. Zwar nur von aussen, aber die Shoji waren zurückgeschoben,so dass sich die Räume weit nach draussen öffneten.


Ach so, Shoji: das sind Schiebetüren, oder eigentlich eher Schiebewände, aus Holz, im oberen Teil mit „Fensterscheiben“, die traditionell aus Papier bestehen. Heute verwendet man allerdings meist Glas, wenn man noch im traditionellen Stil baut.


Während der Stadtrundfahrt erzählte der Führer, dass wir in Kyoto noch viele schöne Parks sehen würden, und ich hörte mit Staunen, wie auf den Sitzen hinter mir ein Mann fragte: „Do we go there?“ (kommen wir dahin?) und eine Frau antwortete: „I don’t know, must check the list! But I’ve seen that word, I think…“ (Keine Ahnung, muss auf der Liste nachsehen, aber dieses Wort habe ich gesehen, glaube ich…) Gut vorbereitet …

Wir waren noch am Vormittag wieder zurück im Hafen, so dass jede Menge Zeit war, Yokohama noch ein wenig auf eigene Faust zu erkunden. Als erstes musste ich ganz dringend zum Oktoberfest!

Ja, Ihr lest richtig! Oktoberfest! Das kam schon etwas unerwartet, wie so vieles hier. Man musste Eintritt bezahlen und dann kam man auf einen Festplatz mit Bierzelten und Bratwurstständen und Japanern in Lederhosen und Japanerinnen im Dirndl, beide verunziert durch einen grellen hohen Plüschhut in Form eines Bierkruges.

Faszinierend!

Umrahmt war der Festplatz von zwei langen Gebäuden aus Ziegelsteinen, ehemals Warenlager, heute gefüllt mit interessanten kleinen Läden und Restaurants. Das war schon eher etwas und hier fand ich auch schon die ersten
Reisemitbringsel: Küchengeräte! Kühlschrankmagnete, die Tempurashrimps, Chilies und angebissenen Schokoladetafeln zum Verwechseln ähnlich sahen!
Und noch dies und das für die Zuhausegebliebenen. Mittagessen gab es im Bufettrestaurant, eine wilde Mischung aus Ost und West: Tom Yam Suppe (Thailand), Tacos (Mexiko), Fisch und Seafood (Japan), Spaghetti marinara (Italien), Kaffeegelee mit geröstetem Tofupulver (Asien, aber wo?) und eine wunderbare Eiskrem mit Geschmack nach geröstetem grünem Tee (China? Japan?) Hochinteressant, und ich werde im Frühjahr definitiv versuchen, diese Eiskrem nachzubasteln…

Im Restaurant: die Artefakte waren unbeabsichtigt, da sind Leute vorbeigelaufen…
Satt und zufrieden lief ich dann noch ein wenig herum, bewunderte Tanzgruppen in traditionellen Kostümen (zumindest nehme ich an, dass es traditionelle Kostüme waren – was weiss schon ein Tourist…) 
und landete schliesslich noch in einem wirklich sehenswerten Seidenmuseum. Ausser mir war da nur noch der Eintrittskartenverkäufer. Man erfuhr nicht nur alles über die Seidenherstellung und –verarbeitung, es waren auch wunderbare Stoffe und Gewänder ausgestellt. Leider
war das Licht nicht zum Fotografieren geeignet, so dass ich hier nur einen besonders hübschen Kimono zeigen kann, den ich in Tokio in einem Schaufenster gesehen hatte.
Aber dann wurde es auch bald Zeit, zum Schiff zurückzu- kehren. Man möchte ja nicht gleich am ersten Tag mit hängender Zunge als Letzte einlaufen.

Nach dem Auslaufen sollte noch die obligatorische Seenotrettungsübung stattfinden, aber bis dahin war noch reichlich Zeit zu beobachten, was so am Kai alles vor sich ging. Es wurde wieder getanzt, in einer anderen Ecke versammelten sich festlich gekleidete Menschen zu einer Hochzeitsfeier.


und im Lauf der nächsten Stunde zogen immer mehr Menschen heran, die mit leuchtend gelben Tüchern und Fähnchen bewaffnet waren.

Und als wir dann mit Musikbegleitung ausliefen, winkten uns alle diese Menschen mit ihren gelben Tüchern und Fähnchen begeistert zu und riefen „Sayonara = Auf Wiedersehen“. 
Das war so rührend, dass eine Menge Leute an Bord feuchte Augen kriegten –
ich auch.

Nun, ich denke an dieser Stelle werde ich den ersten Abschnitt meines Berichts beenden. Aber da meine Webseite ReisenFuttern(Nach)kochen heisst, kommt schon mal ein erstes Rezept. Natürlich für Ramen, habe schliesslich gleich nach meiner Heimkehr ein erstes Rezept ausprobiert: Tonkotsu Ramen. Soweit ich es überblicken kann, heisst Tonkotsu Schweinefleisch, und ich habe mir damit mit dem mir eigenen Geschick ein ungewöhnlich schwieriges Ramen-Rezept ausgesucht. Deshalb gibt es auch kein Foto davon, denn das Ergebnis meiner Bemühungen war zwar äusserst schmackhaft, war aber nichts für’s Auge…
Tonkotsu Ramen
Man braucht für 1 grosse oder 2 kleine Portionen:
500 ccm Brühe
2 Päckchen Ramen-Nudeln (gibt es getrocknet oder frisch zu kaufen)
2 EL Shiodare:
50 g Meersalz
300-350 ccm Wasser
4 kleingeraspelte Zwiebeln mittlerer Grösse
5 zerdrückte Knoblauchzehen
3 cm frischer Ingwer, fein gehackt
Alles vermischen, aufkochen, 10 Minuten reduzieren. Reste lassen sich gut portionsweise einfrieren.
1 EL Schweineschmalz
172 TLKatsuobushi-Salz:
10 g Bonito-Flocken
10 g grobes Meersalz
Bonito-Flocken leicht anrösten und zusammen mit dem Salz im Mörser oder Mixer fein zermahlen.
200 g Chashu in Scheiben:
200 g Schweinelende
Marinade: 25 ccm Sojasauce
50 ccm Sake
50 ccm Mirin-Essig
15 g Zucker
2 grob gehackte Frühlingszwiebeln
1 grosse zerdrückte Knoblauchzehe
1 ½ cm Ingwer, grob gehackt
1 Echalotte, grob gehackt
Fleisch in Scheiben schneiden. Die einzelnen Scheiben aufrollen und mit Kordel binden. Marinade in eine hitzebeständige Schale geben, Fleisch hineinlegen und zugedeckt im Backofen bei ca. 80°C für ca. 2 ½ Stunden garen. Abkühlen lassen. Die zusammengerollten Fleischscheiben ihrerseits in feine Scheiben oder Streifchen schneiden und in etwas Butter von allen Seiten anbraten.
2 Frühlingszwiebeln, der Länge nach in dünne Streifen geschnitten
Einige Nori-Blätter
Brühe, gekochte Nudeln, Shiodare, Chashu und Katsuobushi-Salz müssen vorab vorbereitet sein.
Laut Originalrezept soll man Schweinefleischbrühe verwenden, aber ich habe meine Brühe aus gemischten Fleischsorten verwendet, die ich immer eingefroren vorrätig halte.
Brühe erhitzen. Nudeln in Salzwasser garen.
Shiodare in eine Suppenschale geben, Schweineschmalz und Katsuobushi-Salz darüber. Etwas heisse Brühe dazugiessen. Nudeln darüber und zuoberst das Chashu-Fleisch. Jetzt mit der kochenden Brühe aufgiessen. Mit den Frühlingszwiebelstreifen und einem Nori-Blatt dekorieren. Fertig.
Man kann auch noch ein pochiertes Ei auf die Suppe gleiten lassen und etwas Erdnusspulver darüber geben.
Es gibt zweifellos einfachere Ramen-Suppen. Am einfachsten sind natürlich die aus der Tüte. Ich liebe die mit Seafood-Geschmack von Nissin. Natürlich darf man da nicht nach dem Nährwert fragen. Aber sie schmecken…
Wahrscheinlich fragt Ihr Euch jetzt, wo man all diese Zutaten herkriegen soll. Im Rhein-Main-Gebiet gibt es da eine hervorragende Adresse, nämlich das Asialand in Frankfurt-Höchst, Hostatostrasse 20. Das ist ein regelrechter Asien-Supermarkt, und Ihr findet dort sämtliche Zutaten ausser Frischfleisch und der Brühe und werdet auch noch sehr gut beraten. Und ich bin sicher, anderswo gibt es vergleichbare Adressen.
Dieses war der erste Teil, der zweite mit meinen Erlebnissen in Shimizu, Kobe (vor allem Kobe!) und Kochi ist bereits in Arbeit.