Teil 5
DMZ, 2. Seetag, Shanghai und Heimflug
Aber vor der Besichtigung der demilitarisierten Zone zwischen Süd- und Nordkorea gab es ja noch einen Abend. Und der hatte es in sich!
Er fing schon damit an, dass ich, als ich meiner, nach wie vor, Lieblingsbar den obligatorischen Besuch abstatten wollte, feststellte, dass dort eine geschlossene Gesellschaft zugange war: Captain’s Party!
Dafür hätte man entweder schon ganz viele Reisen mit Celebrity machen oder eine sehr viel teurere Kabine buchen müssen als meine. Aber man lese und staune: als ich enttäuscht kehrt machen wollte, wurde ich von der versammelten Mannschaft eingeladen, doch zu bleiben. Also, das fand ich doch sehr, sehr nett. Ich nahm also wieder meinen Stammplatz an der Bar ein und schaute zu, wie langjährige Mitarbeiter ausgezeichnet und langjährige Kunden geehrt wurden. Grosse Reden wurden auch geschwungen. Hat Spass gemacht. Und den Cocktail gab es umsonst – was natürlich angesichts meines grosszügigen Getränkepakets nicht wirklich einen Unterschied machte. Aber es ist die Geste, die zählt.
Dann ging es höchst beglückend weiter. Denn heute war der Abend, an dem die Küche dafür sorgen sollte, dass die Passagiere glücklich sind und alles vergessen, was sie eigentlich kritisieren wollten: Hummerabend!
Wir sassen am Tisch, schauten einander an und waren uns einig: bei uns braucht es mehr zum Vergessen! Also bestellten wir je drei Hummer. Und bekamen sie unerwarteterweise auch. Nun muss ich sagen, wenn ich für den Service zuständig gewesen wäre, hätte ich auf jeden Teller 3 Hummer gepackt – so gross waren sie ja nicht – und gut ist’s. Aber nein. Erst kam ein Hummer für jeden. Kein Problem. Danach kam der zweite Hummer für jeden, und an den Nachbartischen machte sich eine gewisse Unruhe breit. Beim 3. Hummer war die Empörung rundum deutlich sicht- und hörbar. Aber was soll ich sagen – uns hat’s geschmeckt.
Und mit unserem Kellner hatten wir auch wieder Spass; er erklärte uns, dass und warum wir ihn gut beurteilen sollten und wurde dabei, typisch indisch, enorm philosophisch: also, er versuche ja immer, allen zu gefallen und wenn er merke, dass jemand ihn nicht so mag, dann erforsche er sein Inneres und versuche den Fehler bei sich zu finden. Ich fürchte, er war etwas verwirrt, als ich ihm tröstend erklärte, dass er nicht wirklich will, dass alle Menschen ihn mögen…
Zum Abschluss wieder ein bisschen bei den Fiesta Strings zugehört. Schööön.
(Übrigens, als wir am nächsten Abend fragten, ob wir nicht noch mal Hummer kriegen können, hiess es, nein, wir hätten alle aufgegessen.)

Morgens legten wir in Incheon an, dem Hafen von Seoul. Ich hätte schon gerne Seoul gesehen, aber die Demilitarisierte Zone interessierte mich einfach mehr, und der Ausflug sollte ja seinen Abschluss in dem berühmten Shinpo Market von Seoul mit „shopping galore“ finden, so dass ich wenigstens ein bisschen von der Stadt sehen würde.

Für diesen Ausflug waren die Regeln streng, wir mussten in dem Bus bleiben, dem wir von Anfang an zugeteilt waren, und mussten auch unsere Ausweise dabei haben.

Die Fahrt war lang, wir kehrten unterwegs ein, in einem Restaurant, das schon für Weihnachten dekoriert hatte. 

Kochen durften wir sozusagen selbst – aber alles war vorbereitet, und wir mussten nur noch gelegentlich umrühren, nachdem die Gasflamme entzündet war.


Als wir dann in die DMZ hineinfuhren, musste der Bus an einer Art Grenzposten anhalten und wurde streng kontrolliert, und wir wurden ermahnt, unter keineUmständen den Posten oder die Soldaten zu fotografieren. Naja, eine solche Herausforderung muss man doch annehmen. Und alle im Bus wollten natürlich, dass ich mein Foto mit ihnen teile…

Dann fuhren wir über Strassen, die mit Stacheldraht umzäunt waren, durch Gebiete, wo entlang der Strassen im dichten Wald Drähte gespannt waren mit Warnschildern „Minen“.


Immer wieder Militärposten, Beobachtungsposten, Stacheldraht. Ich fühlte mich doch sehr an die Grenze zur DDR erinnert.

Aber schliesslich erreichten wir einen grossen Parkplatz, von dem aus wir zu einem Bau hinaufstiegen, von dessen Dach aus man eine ausgezeichnete Rundumsicht hatte.




In den Etagen darunter gab es Filmvorführungen und Ausstellungen zum Thema. Unsere Führerin erklärte uns, dass wir deutlich sehen könnten, um wieviel besser Südkorea aufgestellt sei als Nordkorea, denn in Südkorea sah man Häuser und Strassen, die durch Wälder und Felder führten, in Nordkorea eigentlich fast nur Wald und gelegentliche kahle Streifen.
Ich habe versucht, den Bau von aussen zu fotografieren, aber das Metall blendete in der hellen Sonne so stark, dass meine Kamera völlig überfordert war. Ich hänge das Foto trotzdem an, damit Ihr wenigstens eine vage Vorstellung bekommt, wie der Bau aussieht.

Anschliessend ging es zum Dritten Tunnel – dem dritten Tunnel, den man entdeckt hatte. Insgesamt hat man wohl vier Tunnel gefunden, ist aber sicher, dass es noch mehrere Unentdeckte gibt. Der Dritte Tunnel ist touristisch aufbereitet. Um ihn zu besichtigen, muss man Kamera und Handy in einen Safe schliessen, einen Helm aufsetzen und fährt dann mit einer offenen Bahn in den Tunnel hinab.


Im waagerechten Teil des Tunnels angekommen, heisst es dann aussteigen und man geht zu Fuss bis zu einer massiven Tür mit Guckloch. Durch dieses sieht man eine andere stabile Tür mit Guckloch. Und dann geht es wieder zurück. Der Tunnel ist lang, sehr lang und führt überwiegend durch hartes Gestein. Der Gedanke, dass hier Menschen in Handarbeit sich durch das Gestein, durch Wasseradern und Lehmschichten gearbeitet haben, ist einfach nur gruselig. Teilweise ist der Tunnel so niedrig, dass selbst ein eher kurz geratener Mensch wie ich gebückt gehen muss. Und der Helm leistet gute Dienste bei den vielen Steinen, die aus der Tunneldecke herabragen. Aber warum man keine Kamera mitnehmen durfte, haben wir nicht wirklich verstanden.





Wir waren alle irgendwie erleichtert, als wir wieder draussen im hellen Sonnenlicht standen. Jetzt galt es, Postkarten und Briefmarken zu kaufen.

Hm, einen Laden gab es, aber alle Beschriftungen waren nur auf koreanisch, aber man konnte immerhin mit Karte bezahlen, denn wir hatten ja immer noch keine Gelegenheit gehabt, Geld zu besorgen. Ich suchte mir also ein Päckchen Postkarten aus, bezahlte, öffnete das Päckchen und stellte fest, dass es keine Postkarten waren, sondern ein Leporello! Zweiter Versuch, aber dieses Mal wollte ich sicher sein und öffnete das Päckchen, was ohne Beschädigung möglich war, um mich zu vergewisssern, dass ich tatsächlich Postkarten erwischt hatte. Ja, das waren Postkarten, aber die Kassiererin schrie Zeter und Mordio, weil sie messerscharf schloss, dass ich eine Postkarte klauen wollte. Selbst als ich ihr zeigte, dass ich das Päckchen bezahlen wollte und noch Briefmarken kaufen wollte, konnte sie sich noch nicht beruhigen. Briefmarken gab es dann nebenan an einem Postschalter. Ich wollte wissen, welches Porto ich für eine Postkarte nach Deutschland brauche. Diese Verkäuferin sprach durchaus genug Englisch, um meine Frage zu verstehen, aber offensichtlich war so etwas noch nie vorgekommen. Sie wusste es nicht und erklärte mir dann, dass ich in Korea nicht einfach eine Postkarte verschicken könne. Ich müsste mit der Karte in ein richtiges Postamt in der Stadt gehen, sie wiegen lassen und dann würde man mir sagen, was ich draufkleben müsse.
Wiegen??? Eine Postkarte???
Unsere Führerin kam vorbei und bestätigte die Aussage der Briefmarkenverkäuferin!
Ich muss gestehen, dass ich verwirrt war: es gab Postkarten, es gab ein kleines Sonderpostamt mit Briefmarken und es gab besondere Stempel, mit denen man seine Karten selbst stempeln konnte. Das Einzige, was noch fehlte, war ein Briefkasten, aber der würde wohl auch irgendwo versteckt sein. Wozu das Ganze, wenn man gar keine Karten verschicken durfte?
Da nahte Hilfe von einer völlig unerwarteten Seite. Ein Mitreisender, den ich schon während der ganzen Reise recht unfroh zur Kenntnis genommen hatte – er war laut, besserwisserisch und gegenüber den Führern und Führerinnen ziemlich überheblich – zeigte plötzlich, dass er nicht nur besserwisserisch war, sondern tatsächlich auch besser wusste. Er erklärte mir, welches Porto fällig war, zeigte mir vorsorglich noch die Stempel und den Briefkasten, der am anderen Ende des Parkplatzes versteckt war. Super! Grrr! Aber das nächste Problem war schon im Anmarsch: ich hatte Karten, Marken, Stempelung und wusste, wo der Briefkasten war, aber ich musste in den Bus. Es gab kein Erbarmen, nein, man würde nicht warten, bis ich wenigstens die Adressen auf die Karten geschrieben hätte.
Auch da wusste mein unwahrscheinlicher Nothelfer Rat. Ich solle ihm die Karten geben, er wäre bald wieder dort und könnte sie dann für mich einwerfen. OK, er entschied sich dann doch dafür, sie der Führerin zu geben, damit die die Karten am nächsten Tag einwerfen würde. Aber egal, Hauptsache, die Sammler wären glücklich.
Und während wir so am Grenzfluss entlang in die untergehende Sonne fuhren, bewunderten wir Unmengen von Vögeln, die in dem unbewohnten Gebiet zwischen all den Stacheldrahtzäunen eine sichere Heimat gefunden hatten.



Jetzt freuten wir uns alle auf den berühmten Markt mit dem „shopping galore“. Aber als wir dann am Stadtrand von Seoul ankamen, informierte uns die Führerin plötzlich, dass wir zu spät dran wären und höchstens 10 Minuten für den Markt haben würden, ob wir den nicht lieber ausfallen lassen wollten.
Nein, wollten wir nicht.
Daraufhin beschrieb sie den Markt als weitgehend tot, früher wäre der mal gut gewesen, aber jetzt gäbe es da nur noch ein paar Fastfood-Restaurants. Ob wir dafür wirklich riskieren wollten, zu spät zum Schiff zu kommen.
Naja, dann eben nicht.


Schade, wir hatten uns so gefreut. Und es war ja auch Teil des – sehr teuren – Ausflugpaketes gewesen…
Am Kai lag unser Schiff und ausser unserem Bus war weit und breit kein anderer zu sehen. Der letzte der übrigen Busse kam mehr als 2 Stunden später an, und die Passagiere, die ausstiegen, waren schwer beladen und wirkten höchst zufrieden.
Aufklärung gab es dann in der Bar: Alexander, der Barkeeper, war auf dem Markt gewesen, um für seine Frau etwas einzukaufen und beschrieb den Markt als äusserst pittoresk, farbenfroh und unterhaltsam. Fastfood-Restaurants? Ja, wird es wohl auch geben, aber die Verkaufsstände seien definitiv interessanter…
Das war ganz sicher die schlechteste und faulste Führerin, die mir je untergekommen ist.

Es folgte der zweite Seetag, noch einmal Gelegenheit, die diversen Pools auszuprobieren, durch die Einkaufsarkade und die Kunstgalerie zu stöbern und – natürlich – zu packen.

Das Packen habe ich in drei Abschnitte aufgeteilt: alles, was einfach geht, morgens, dann Erholung im Whirlpool und auf den Sprudelbänken des Thalassopools; das Schwimmbecken war leider abgedeckt, wir hatten ein wenig Seegang,

dann Suche nach einem Mittagessen. Was ich zwar wusste, was mir aber nicht so recht bewusst war, war, dass die Zeit nachts umgestellt worden war. Essen würde es erst eine Stunde später geben, mein Magen hatte aber zur gleichen Zeit Hunger wie an den vorangegangenen Tagen. Also lief ich durch die Restaurants auf der Suche nach Essbarem und verfluchte innerlich die Crew – bis mein Blick auf eine Uhr fiel. Ach ja, mein Fehler mal wieder.

Also ging ich erst noch einmal in die Kabine und zerstörte all die wundervollen japanischen Verpackungen und sortierte meine Mitbringsel so auf die Koffer, dass möglichst wenig kaputt gehen würde und das Gewicht einigermassen gleichmässig verteilt wäre. Dann ging ich wieder auf die Jagd nach Essbarem.
Im Bufettrestaurant standen 10 Minuten vor Beginn des Service gewaltige Menschenmassen und knurrten mit den Mägen, also setzte ich mich draussen an einen Tisch und schaute zu, wie der Hamburgergrill vorbereitet wurde. Gut, das würde ich dann mal probieren, sah eigentlich ganz gut aus. Schmeckte auch gut, aber…

Fettiger Hamburger, fettiger Käse, fettige Mayo, fettige Pommes, da nützten auch das Salatblatt, die Tomatenscheibe und die Zwiebelringe nicht viel. Für eine Weile ging es mir gar nicht gut. Als ich mich halbwegs erholt hatte, ging es wieder ans Packen. Und nachdem alles verstaut war bis auf die Sachen, die ich abends und am nächsten Morgen brauchen würde (die kamen alle ins Handgepäck), war es an der Zeit, noch einmal die Läden zu durchstöbern. Dort hatte sich nichts verändert, immer noch nichts dabei, was ich dringend brauchte. Nur auf den Wühltischen häuften sich offensichtliche Ladenhüter noch höher als zu Beginn der Reise und im Schmuckgeschäft versuchte man noch intensiver, irgendetwas an die Frau zu bringen. Aber auch da fand sich nichts, was ich unbedingt haben musste, um weiter zu leben. Die Kunstgalerie, die während der Reise immer wieder zu Auktionen eingeladen hatte, war nicht sichtbar leerer als vor 2 Wochen – da waren aber auch reichlich merkwürdige „Kunstwerke“ dabei. Jaja, ich weiss, Schönheit liegt im Auge des Betrachters, vielleicht gefällt es ja irgendjemand. Mir gefiel nur eins und das auch nicht so gut, dass ich es hätte kaufen wollen.

Und überall wurde man von Crew-Mitgliedern angehalten und gebeten, sie doch gut zu beurteilen. Das Gesicht meines Kabinenstewards war durchaus sehenswert, als ich ihn fragte, ob ich in meiner Lobeshymne auch die tote Fliege erwähnen sollte, die tagelang mitten auf meinem Schreibtisch lag, bis ich sie halt selbst entsorgt habe.


Und noch ein letztes Mal zum Abendessen, zum Kampf um die „breadsticks“ (=grissini). Austausch der Email-Adressen und grosses Staunen, als sich herausstellte, dass unser schüchterner Kanadier mangels Computer keine Emails empfangen oder schreiben konnte, noch ein letztes Mal zu den Fiesta Strings

und Feierabend. Schnell noch die Schränke prüfen, ob ich auch nichts zurücklasse, die Koffer schliessen und vor die Tür stellen, duschen und ab in die Koje.

Das Auschecken am nächsten Morgen war schiffsseitig bestens durchorganisiert, aber wie es hiess, hatten die Chinesen zu wenige Abfertigungsschalter geöffnet, so dass alles sehr langsam ging. Dann öffneten sie mehr Schalter, sagte man uns jedenfalls, und wir wurden schneller vom Schiff entlassen, nur, um uns dann in einer schier endlosen Schlange an Land wiederzufinden. Nun, irgendwann war auch das überstanden, eigentlich unterhielten wir uns auch alle ganz gut während des Wartens, ich holte mein Gepäck und zog los, meinen Fahrer zu finden.
In Tokio hatte das alles wunderbar funktioniert: der Fahrer war da, wo man ihn erwartete, hielt ein grosses Schild mit meinem Namen hoch, brachte mein Gepäck und mich zu einer chicen Limousine und ins Hotel und 3 Tage später zum Schiff – alles sehr gepflegt und reibungslos.
Das habe ich natürlich in Shanghai auch erwartet, insbesondere da ich das Peace Hotel gebucht hatte und annahm, dass mich ein Fahrer des Hotels abholen würde.
Aber da war niemand.
Nach einer Weile sah ich im Getümmel ein Mädchen mit einem Dreamlines-Schild. Sie machte den Eindruck, kurz vor einem Nervenzusammenruch zu stehen, aber ich hatte keinerlei Mitleid, sondern fragte sie, ob sie mir sagen könnte, wo ich meinen Fahrer finde. Sie wusste es nicht, sie war auf der Jagd nach einer Touristengruppe, die sie betreuen sollte, zeigte mir aber immerhin, wo ich meinen Abholer finden würde, wenn er denn käme. Eine ganze Weile später, ich fing schon an zu grübeln, ob ich nicht besser ein Taxi nehmen sollte, sah ich ein leicht zerrupftes Mädchen, das meinen Namen unter den Arm geklemmt hatte. Sie war etwas überrascht mich zu sehen, sie hätten sich verspätet, und warum ich nicht auf der Seite herausgekommen wäre, wo der Fahrer auf mich wartet? Ähm…
Wir zogen jetzt also zu zweit durch das immer schlimmer werdende Getümmel – heiss war es auch -, um den Fahrer zu suchen. Nachdem wir ihn gefunden hatten – er hatte an einem anderen Ausgang auf mich gewartet – ging es los zum Auto, das mindestens einen Kilometer entfernt geparkt war. Die Sonne glühte. Irgendwann kam das Mädchen auf die Idee, den Fahrer aufzufordern, mir mit dem Gepäck zu helfen; sie hatte wohl gesehen, dass ich kurz vor dem Zerfliessen war.
Im Auto war es noch heisser als draussen, und der Fahrer war gar nicht glücklich, dass er Benzin für die Klimaanlage verschwenden sollte. Aber er schaltete sie dann doch ein, es wurde kühler und die berühmte Skyline, die ich schon vom Schiff aus im Morgendunst gesehen hatte, rückte immer näher.
Und dann war ich im Peace Hotel.
Ich hatte mir das schon so lange gewünscht, endlich konnte ich mir diesen Wunsch erfüllen. Natürlich liegt das Peace Hotel am Bund und ich hatte gehofft, ein Zimmer mit Blick auf die Skyline zu bekommen, aber Dreamlines hatte für mich gespart, was ja im Grunde sehr ehrenwert ist. Ein Zimmer mit Aussicht koste mehr, hiess es, aber ein Upgrade kostete ziemlich wenig, also ein Zimmer mit (leider nur seitlichem) Blick auf Bund und Huangpo und Skyline genommen

und erst einmal in meinem wirklich sehr gemütlichen Zimmer erholt, nachdem ich meine Freundin angerufen hatte. Sie kam dann auch bald, wir bummelten über die Nanjing Lu und den Bund und erzählten einander, was alles passiert war seit dem letzten Zusammentreffen. Schaufensterbummel sind in Shanghai höchst interessant, und die Nanjing Lu, eigentlich schon seit jeher die wichtigste Einkaufsstrasse in Shanghai hat sich gewaltig gemausert. Ob das zu ihrem Vorteil war? Ich weiss nicht. Früher gab es viele chinesische Lädchen und viel Touristenkitsch. Jetzt gibt es gewaltige Kaufhauspaläste, teure Schmuckgeschäfte und die Designer, die es überall gibt. Aber zwischendurch sind auch chinesische Apotheken – seeehr sehenswert -, Antiquitätenhändler und Läden und Garküchen, die teilweise sehr befremdende Dinge zum Essen anbieten.

Und quietschbunt ist sie immer noch.




Abends wollte ich eigentlich auf das Dach des Hotels, denn dort ist eine sehr schöne Bar mit prächtiger Aussicht, aber ich war viel zu müde. Die Energie reichte nur noch zu einem wunderbaren Essen im Phoenix Dragon, dem hoteleigenen Restaurant, einem ausgiebigen Bad in meinem wunderschönen Badezimmer und zum Schlafen.


Das Frühstück im Peace Hotel ist wunderbar. Vor allem der chinesische Teil: Dim Sum, Wantan- und Nudelsuppen, vor meinen Augen frisch zubereitet. Lecker! Natürlich gibt es auch dieses merkwürdige, fade Reiscongee, das Chinesen so gerne frühstücken, aber das muss man sich ja nicht antun.
Nach dem Frühstück kam meine Freundin wieder, und wir fuhren erst einmal zum Textilmarkt. Da will ich immer hin, wenn ich in Shanghai bin – das ist so völlig anders als alles, was man hier findet. Ein riesiges Gebäude voller Stoffläden, die sich auf verschiedene Stoffarten spezialisiert haben und voller Schneider aller Art. Unter anderem auch solchen, die Lederkleidung anfertigen, da habe ich schon manche Jacke machen lassen. Die Qualität ist super, die Preise sind äusserst moderat und zwischen Bestellung und Übernahme des fertigen Kleidungsstücks gibt es viele unterhaltsame Episoden. Aber dafür hatte ich ja dieses Mal gar keine Zeit. Ich wollte nur ein bisschen durch den Markt stromern und schauen, ob ich den Seidenladen wieder finde, der letztes Mal so schöne Stoffe hatte.
Er hatte wieder schöne Stoffe.
Mittagessen gab es im Sense 6,

einem neuen Dim-Sum-Restaurant in Xintiandi, dem Viertel, in dem Shanghai versucht, die Atmosphäre der alten Hutong-Stadtteile auferstehen zu lassen.

Als wir wirklich gar nichts mehr essen konnten, habe ich das Sondermarkenpostamt gesucht, das an einer Ecke von Xintiandi zu sein pflegte – nicht mehr da. Wie schade. Es konnte mir auch niemand sagen, wohin es verlegt worden ist.
Das ist das Einzige, was mich an Shanghai stört: alles ist in ständiger Veränderung. Man hat gerade etwas gefunden, das einem gefällt – wupps, ist es wieder weg.
Den Abend habe ich dann in der berühmten Jazz-Bar verbracht. Sie spielen tatsächlich wieder Jazz und sogar guten, wenn die uralten Herren des Orchesters auch etwas gelangweilt wirken. Und ich hatte Glück: neben mir sass ein Jazzmusiker aus USA, der unbedingt mit der berühmten Jazzband spielen wollte und das nach viel Hin und Her auch tat: Besame mucho… Das war so schön!

Wir hatten noch eine Weile viel Spass mit der Musik und mit Schwätzen, als plötzlich zwischen den Musikern ein Mädchen im Cheongsam und mit Blütenkränzchen im Haar aufkreuzte und anfing, Liebesliedchen zu trällern. Schreck lass nach. Das war ja fürchterlich! Was hat das denn mit Jazz zu tun? Der Manager erklärte, das sei ein „Shanghainese special“. Und ich habe ihm erklärt, dass er damit die Gäste aus der Bar verscheucht. Der amerikanische Jazzmusiker hatte schon die Flucht ergriffen!

Die müssen noch viel lernen, die Chinesen…

Jetzt hatte ich nur noch einen Dreivierteltag zum Spazierengehen und die letzten Renminbi auf den Kopf zu hauen. Kein Problem – Geld wird man in Shanghai sehr viel leichter los, als mir lieb ist.

The bigger they are…
Und dann der Rückflug, wieder mit Zwischenlandung in Hong Kong, aber der Nachtstart von dort hat noch ein paar schöne Aufnahmen beschert.

Wenn auch die brandneue Brücke von Hong Kong nach Macao nicht gerade scharf geworden ist…

Immerhin hat eine der Führerinnen uns ein Rezept für Kimchi gegeben; das kommt mir allerdings etwas zu simpel vor, deshalb füge ich noch eins von meinen Rezepten hinzu – wie gesagt, ich liebe das Zeug!
Kim Chi 1
Verschiedene Gemüse, insbesondere Weisskohl und/oder Chinakohl ½ Tag in Salzwasser legen, dann in mundgerechte Stücke schneiden.
Eine Sauce aus Chili, Knoblauch, Fischsauce und Shrimps bereiten.
Gemüse mit der Sauce in ein Gefäss schichten und einige Tage ziehen lassen.
Ich nehme an, dass man die Shrimps kleinhacken muss. Ansonsten werden die Zutaten für die Sauce nur vermischt, nicht in irgendeiner Form gegart. Sie hat noch eine Zutat namens „Bidimpa“ oder so ähnlich erwähnt. Aber die kann ich leider nicht identifizieren. Fischsauce gibt es im Asialaden.
Kim Chi 2
1 Chinakohl
2-3 EL Salz
1 kleiner Rettich in dünne Scheiben geschnitten oder geraspelt
1 Karotte, geraspelt
1 Birne, geschält und geraspelt (optional)
1 kl. Zwiebel, gehackt
2 Frühlingszwiebeln, in sehr feine Ringe geschnitten
2 Knoblauchzehen, zerdrückt
1 EL Zucker
2 TL Chili, gemahlen oder gemörsert
2-3 klein gehackte Anchovis oder 2 EL Fischsauce
Evtl. etwas MSG oder Salz
Den Chinakohl gründlich waschen, alle Blätter ausgiebig mit Salz bestreuen und in eine Schüssel schichten. Über Nacht im Kühlschrank aufbewahren, am nächsten Tag mit kaltem Wasser gründlich abspülen und ausdrücken. In mundgerechte Stücke oder Streifen schneiden.
Mit allen anderen Zutaten vermischen, in eine Schüssel (Glas, Porzellan oder Steingut) geben, zudecken, mit einem Gewicht beschweren und kühl stellen. Nach 2-3 Tagen sollte die Gärung begonnen haben und das Kim Chi ist fertig. Ab jetzt kalt stellen.
