Eine ganz kleine Reise

Gestern war ich in Büdingen: bezaubernd, absolut bezaubernd. Die Altstadt ist ja riesig!
Eigentlich wollte ich ja schon lange einmal hierher fahren, aber immer war irgendetwas – kein Parkplatz, ein Fest mit allzu grossem Publikumsandrang, plötzliche Meinungsänderung…

Aber heute musste es sein; herrliches Cabriowetter, die Fahrt über kleinere Nebenstrassen führt durch überaus idyllerische Landschaften (wie meine dänische Freundin sagen würde. Bin an etwas vorbeigekommen, das wie ein Jurtendorf aussah (mit ausgesprochen überdimensionalen Jurten), aber ein Hinweisschild wies die eigenartige Siedlung als Zentrum für Bioenergie aus.
Dann endlich Büdingen – wo ist ein Parkplatz? Gute Frage. Laut Internet-Stadtplan wimmelt es hier nur so von Parkplätzen, aber alles, was ich fand, waren Kurzzeitparkplätze am Strassenrand. Oder Parkplätze für Anwohner. Oder für Behinderte.

Hinweise auf grössere Parkplätze für Besucher? Nada.Nix.
Nach langem Kreuzen durch die wunderschöne Altstadt fand ich dann einen Platz und ergatterte den letzten legalen Stellplatz. Die nach mir kamen, wischten sich den Schweiss von der Stirn, parkten halt irgendwie und klagten lauthals.

Mein erster Weg nach dem Parken führte mich also zur Touristeninfo, wo man mir erklärte, es gäbe Hinweisschilder, aber die seien klein und grau. Stimmt. Zu Fuss habe ich dann auch mal eins gesehen. Man habe auch nicht vor, Parkplatzleitschilder aufzustellen.

Man hat ein bisschen das Gefühl, Büdingen will gar keine Besucher, was schade wäre, denn ein Besuch lohnt sich ungemein. Ich glaube, hier könnte man wunderbar Baugeschichte am lebenden Objekt studieren.


Diese Gassen und Gässchen und diese Vielfalt an Bauwerken der unterschiedlichsten Art und aus den verschiedensten Epochen – eigentlich sollte Büdingen ähnlich berühmt sein wie Rothenburg ob der Tauber oder Dinkelsbühl…
Geparkt hatte ich an einem der ehemaligen Stadttore, dem Mühltor und ging von dort erst einmal Richtung Marktplatz,

natürlich eifrig fotografierend und Speisekarten studierend. Auf dem Marktplatz standen Zelte und Buden und Fahrgeschäfte für den Gallusmarkt. Normalerweise könnte man dort parken, und dieser Parkplatz wäre auch leicht zu finden gewesen, glaube ich.

Dann lief ich eine ganze Weile ziellos herum und freute mich über Fachwerk, Sandsteinerker, Blumenschmuck, Torbögen, und, und, und.
Gegessen habe ich dann im Il Giardino am Jerusalemer Tor – das hatte mir eine Dame empfohlen, die wie ich am Oberhof mit ihrem Hund unterwegs war und gerne Auskunft erteilte, nachdem wir uns ausreichend über unsere Hunde und ihre Eigenheiten ausgetauscht hatten. Falls Ihr auch mit Hund unterwegs seid: dort gibt es ein bisschen Gras, was ja entleerungswillige Hunde durchaus schätzen, und Kotbeutel samt Abfalleimer, was für die Frauchen und Herrchen praktisch ist.

Das Giardino ist gut, auf der Terrasse hat man einen schönen Blick entweder auf das gewaltige Jerusalemer Tor
oder auf eine Strasse voll prachtvoller Fachwerkhäuser. Der Service ist angenehm, freundlich, schnell und unaufdringlich und das Essen:

Kalbskotelett mit Salbei, Rosmarinkartoffeln und schön knoblauchhaltigem Spinat – sehr gut. Der trockene Pinot Grigio passte hervorragend. Und der Hund bekam auch ganz schnell eine Schale Wasser.
Danach ging es weiter: erst einmal vor dem Jerusalemer Tor links bergauf, weil ich mir Hoffnungen machte, dass ich auf eine Bastion dort oben steigen und tolle Fotos der Stadt von oben machen könnte.

Die Hoffnung trog leider, aber oben ging ein sehr hübscher Weg an der Stadtmauer entlang. 
Von dort ging es dann zum Schloss, das teils noch bewohnt ist und teils Hotel (dort gibt es auch einen grossen Parkplatz, aber den hätte ich mit dem Auto nie gefunden…)

Vor dem Schloss traf ich eine andere Spaziergängerin, die allerdings auf dem Weg zu ihrem Marktstand war.

Aber sie hatte noch genug Zeit, mir alle möglichen Infos zu geben, wie zum Beispiel, dass es sich lohnen würde, einmal an einer Führung teilzunehmen oder dass hinter dem Schloss ein ungepflasterter Weg um den Schlosspark herumführt, wo der Hund seine Pfoten ein bisschen abkühlen könne.

Nicht nur das – er konnte auch mal ein bisschen ohne Leine toben, an einer echten Quelle trinken 
und im Gebüsch entlang eines kleinen Flusses stöbern.


Aber bald ging es an einer überdachten Fussgängerbrückevorbei

wieder ins Stadtzentrum. Da gab es noch ein paar Strässchen, die ich noch nicht erkundet hatte. Und siehe da, ich fand noch einen Parkplatz. Dort fand allerdings gerade ein kleiner Wochenmarkt

statt. Und die freien Flächen waren für die Marktleute reserviert. Darüber freute sich auch meine Bekannte vom Schloss. Und über das Stück Rhabarberkuchen, das sie ergattert hatte, freute sie sich fast noch mehr. Hier gab es hübsche Gartenanlagen, 
gewaltige Findlingsteine aus verschiedenen Teilen Europas, und dann war ich plötzlich wieder am Marktplatz. Der Gallusmarkt ruhte immer noch, es gab noch keine gebrannten Mandeln, also machte ich mich auf den Rückweg zum Auto. Die vielen, zweifellos interessanten, Museen

konnte ich – dank Hund – leider nicht anschauen, nur das eine oder andere Schaufenster, an denen Puppensammler ihre helle Freude hätten.

Etwas möchte ich, schweren Herzens, noch erwähnen. Ausserhalb der Büdinger Altstadt und überhaupt in der ganzen Gegend hängen erschreckend viele Wahlplakate der NPD. Unter anderen dieses hier:

Auf den ersten Blick ist man ja versucht, dieser Aussage zuzustimmen. Aber wenn das Gehirn wieder einschaltet, denkt man darüber nach, wann Luther lebte, wie klein die Welt für die Menschen damals war, wie wenig sie alle, einschliesslich Luther, über ihren eigenen Tellerrand sehen konnten: Persönlich bekannte Welt? Die unmittelbare Umgebung. Schnellstes Fortbewegungsmittel? Das Pferd. Beste Überlebensstrategie? Zusammenhalten – sehr kleinterritoriales Zusammenhalten.
Völlig überholt…
Wie ja im Grunde auch Denkweisen, die nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass wir in einer völlig anderen Welt leben.


Auf der Heimfahrt machte ich dann noch einen Abstecher zum Kloster Engelthal und erstand zwei kleine Kochbüchlein, von einer Nonne namens Schwester Bothilde geschrieben. Interessante Sachen drin…. Im Kloster kann man auch Zimmer mieten, ich könnte mir hier gut einen Wanderurlaub vorstellen. Herrlich ruhige Lage mitten in der Wetterau (abtei-kloster-engelthal.de)


Mein Rezept zu diesem Ausflug kommt später – ich muss es erst noch ausprobieren. Und ich kann mich auch nicht entscheiden zwischen Italiener und regional!